Die meisten werden den Namen kennen. Selbst wer gar nichts mit der Malerei anfangen kann, wird wahrscheinlich eine Geschichte oder ein Bild zu dem Mann im Kopf parat haben. Ältere Semester, so wie ich, sehen Kirk Douglas in der Rolle des Malers vor sich, jüngere Generationen denken eher an Benedict Cumberbatch oder Willem Dafoe. Man weiß von der lebenslangen Armut, von der Beziehung zum Bruder und von der Einweisung ins Irrenhaus. Der Schnitt in das Ohr, mit dem scharfen Rasiermesser, muß blutig und furchtbar schmerzhaft gewesen sein. Und dann schaltet man im Kopfkino schnell um und schon tauchen die sonnengelben Blumenfelder auf oder die ‚Starry, starry nights‘. Auf einem dieser Bilder ist die Rhone zu sehen mit den Lichtern von Arles, die sich im Wasser spiegeln. Es könnte auch London sein, denn genau diese Stimmung hat van Gogh gut 15 Jahre später in den Bildern eingefangen.

Vincent van Gogh begegnete mir häufig in London. Ich erinnere mich an Ausstellungen in der National Gallery und in der Tate British. Und natürlich an sein Selbstbildnis im Somerset House. Zusammen mit einer Vase voller Sonnenblumen ist es in der Courtauld Sammlung zu finden. Erst dort wurde mir bewußt, dass er beide Motive gleich in Serie gemalt hatten. Man findet sie also in fast jeder seiner Sammlungen. Mehr überraschte war ich von der Inschrift auf einer der vielen Plaketten an Londons Häusern: ‚Hier arbeitete Vincent van Gogh‘. Die Strasse, wo ich das Schild entdeckt hatte, führte mich direkt zur Covent Garden Piazza und ich wurde neugierig. War van Gogh vielleicht wie so viele berühmte Männer, -ganz selten Frauen-, für ein paar Monate an die Themse gereist? Wohl eher nicht, denn dafür fehlte ihm das Geld. Die meiste Zeit seines Lebens verdiente er kein Geld. Zwar war er in der Mittelschicht aufgewachsen, begann dann auch eine ganz normale geldorientierte Berufskarriere, entschied sich dann aber ganz bewußt gegen das Kapital und diese Entscheidung reifte in ihm während seiner Jahre in London.

 

Selbstbildnis van Gogh. Es ist Teil der Courtauld Sammlung im Somerset House. Kleiner Eintrittspreis, Fotografieren erlaubt.

 

Vincent war gerade zwanzig Jahre alt, als er nach London geschickt wurde. Er verdiente damals seinen Lebensunterhalt als Angesteller eines internationalen Kunsthändlers, der auch eine Galerie in London, am Covent Garden, betrieb. Dort sollte Vincent van Gogh Bilder an- und verkaufen. Seine Wohnung lag im Süden der Stadt, in Brixton und später in Oval. Das ist die Gegend rund um den heutigen Waterloo Bahnhof und von dort konnte Vincent bequem zu Fuß seinen Arbeitsstelle erreichen. Er passiert täglich die Westminster Bridge, ging dann durch Whitehall bis zum Strand und bog schließlich in die Southampton Street ein. Im Haus Nr. 17, beim Kunsthändler Goupil & Cie, arbeitete Vincent van Gogh. Übrigens ein Weg, der mir nur allzu vertraut ist. Und der heute zwar moderne Häuser passiert, die Vincent noch nicht sehen konnte, aber ansonsten exakt so wie damals existiert. Van Gogh würde sich sofort zurechtfinden.

 

Die Westminster Bridge am Abend. Die Flut spült kleine Fische bis in die Stadt. Ein gefundenes Abend-Fressen für die Möwen.

 

 

„I crossed Westminster Bridge every morning and evening and know what it looks like early in the morning, and in the winter with snow and fog“, schrieb er an seinen Bruder Theo. Ich könnte ergänzen: „I know the image exactly that you see in your mind.“

 

Vincent blieb drei Jahre in London (1873-76). Er liebte das Weihnachtsfest mit Christbaum und guten Essen, er lernte schnell das ‚gardening‘ von den Engländern und übte sich sogar im Rudern auf der Themse. London war gut zu ihm und er erlebte glückliche Jahre. Sein Verdienst war gut, ‚the huzzle & buzzle‘ der Großstadt gefiel ihm und er liebte die englische Literatur. Die Bücher von Charles Dickens werden ihm ein Leben lang begleiten, sie tauchen sogar in seinen Bildern auf. Die bittere Armut, die Dickens beschreibt, nahm auch Vincent wahr. Er ging die wenige Schritte, hinter die bunten Fassaden des Strand und tauchte in die dunklen Hinterhöfe ein. Diese schmalen Gassen, oft weniger als einen Meter (!) breit, existieren bis heute. Damals, im 19. Jahrhundert, lebten die Menschen dort halb verhungert und ohne hygienische Grundversorgung. In den letzten Jahren nehmen die Zahlen der notleidenden Menschen wieder zu. Die ‚homeless people‘ sind in der City of Westminster schon lange nicht mehr zu übersehen. Manchmal stirbt einer der Obdachlosen, während einer kalten Nacht, keine zwanzig Meter vom Eingang zum Parlament entfernt und Abgeordneten sind dann am nächsten Tag entsetzt, denn sie können sich persönlich an ihn/sie erinnern. „How is it possible in 21st century?“ Ja, wie ist das möglich?

Vincent van Gogh geniesst das Leben in London. Er besucht die Gallerien, liest englische Literatur, geniesst die Atmosphäre der Großstadt und besonders die Lichter der Gaslaternen, die sich am Abend in der Themse spiegeln. Das Buch ‚Pilgrim’s Progress‘, geschrieben von John Bunyan, wird seine Lieblingslektürue und seinen weiteren Lebensweg nachhaltig beeinflussen. Er wird zunehmend religiös und entscheidet sich am Ende seines dreijährigen Londonaufenthaltes, zu einer Ausbildung als Priester. Die führt ihn nach Belgien, mitten unter die Ärmsten der Armen, mit denen er sehr aktiv mitfühlt und auch leidet. Vincent hat sich entschieden, dass er keine ’normale‘ Berufskarriere anstrebt, sondern sein Leben ganz der Leidenschaft widmen will. Er überwindet den Antrieb zum Geldverdienen und kann sich dadurch ganz der Kunst hingeben. Tragischerweise wird er damit tatsächlich lebenslang so gut wie keinen Cent verdienen.

Aber noch ist Vincent in London und erlebt glückliche, relativ unbeschwerte Jahre. Er lernte die englische Sprache, machte sich mit den Gewohnheiten der Menschen vertraut und meisterte die Herausforderung der Immigration. Denn damals war er ein Fremder, der jeden Tag mit einer Ausweisung rechnen mußte. Erst hundert Jahre später garantierte die EU freie Reise und Aufenthalt; ein hoher Wert, der manchmal als selbstverständlich betrachtet wird. Sicherlich hat Vincent in späteren Jahren gerne an London zurückgedacht, wenn auch eine Rückkehr für ihn niemals infrage kam. In London startete er eine vielversprechende Karriere als kaufmännisch orientierter Kunsthändler, aber sein Ziel war ein anderes, er wollte ein Kunstschaffender werden und das sollte ihn an Orte führen, die weit vom Covent Garden entfernt lagen.

My dear Theo,

thank for you letter. I think I’ll be leaving here on Saturday, 27 June, if nothing unforeseen happens. I’m longing so much to see everyone and Holland. I’m also looking forward to having a good talk with you about art, start thinking about any questions you might want to put to me. We have many beautiful things here, including a spirited painting by Jacquet, and a beautiful Boldini. There are beautiful things at the Royal Academy this year. I’ve been drawing again recently, but it was nothing special.

Ever, Your brother. Vincent.

Brief von Vincent an seinen Bruder Theo, von mir leicht gekürzt. Geschrieben am 16. Juni 1874 in London.