Am Anfang der Drury Lane bekommt man eine Vorstellung, wie Covent Garden ausgesehen hätte. Dort wurde eines der Hochhäuser gebaut. Das ganze Viertel sollte damit zugepflastert werden. Zum Glück wurde das Projekt rechtzeitig gestoppt.

Wenn ich durch die Strassen von Westminster, Kensington oder Covent Garden gehe, dann spüre ich jedes Mal ein inneres Staunen und Begeisterung. Ich merke die Freude, bleibe alle paar Meter stehen und um schaue mit offenen Mund um mich. Diese Häuser, diese Architektur und diese lebendige Geschichte, die mich und alle anderen aufmerksamen Besucher dort umgibt, ist etwas Wunderbares. In meiner Heimatstadt Hamburg ist das nicht mehr zu finden, denn die Zerstörungen während des Krieges haben die Stadtplaner veranlasst, ganze Bezirke neu zu erfinden. Lange dachte ich London wäre von solchen Vernichtungen verschont geblieben, aber das stimmt ganz und gar nicht. Das Zentrum von London, wo damals auch noch der Hafen, die Warenhäuser und die großen Fabriken und Versorgungsgebäude (Gas und Elektrizität) angesiedelt waren, wurde gleich zu Anfang des zweiten Weltkrieges schwer bombardiert. Nach monatelangen Angriffen, die täglich Tag und Nacht geflogen wurden, waren ganze Strassenzüge und sogar Stadtteile dem Boden gleich gemacht worden. Nach dem Krieg mussten also auch die Londoner Wiederaufbau betreiben und damit beauftragte man den Architekten und Städteplaner Patrick Abercrombie. Der war ein glühender Anhänger vom damals sehr populären Kollegen ‚Le Corbusier‘, der sich mit einem sachlichen, aber auch sehr brutalen Baustil einen Namen gemacht hatte. Kurzum, auch London sollte radikal erneuert werden, ganz im Sinne der damals beginnenden ‚era of motor cars‘.

Die Pläne waren aus heutiger Sicht grotesk (der Stadtteil Soho, das Herzstück des West Ends, sollte unter einem gigantischen Betondeckel verschwinden) und ich bin froh, dass der Engländer schon damals eine starke Neigung hatte, an alten, bewährten Dingen festzuhalten. Die Stadtverwaltung wollte die Planung von Abercrombie realisieren, die Londoner leisteten aber heftigen Widerstand. Natürlich gab es für Investoren viel Geld zu verdienen, aber den alten Bewohnern drohte der Abriss ihrer Häuser. Man wollte ganze Stadtviertel planieren und dann die freie Fläche mit Betonbauten zupflastern. Wie das ausgesehen hätte, zeigt uns das Barbican Center, gleich hinter dem Museum of London beginnend, das als einziges Nachkriegs-Großbauvorhaben verwirklicht wurde. Aber der Grundidee, nämlich Londons Strassen für den erwarteten Autoverkehr tauglich zu machen, konnte man zum Glück widerstehen. Geplant war eine Stadt-Autobahn quer durch das Zentrum, die alleine den Abriss von 100.000 Häusern gefordert hätte. Das wären mehr als die Verluste im Krieg. Dann wollte man die uralten Strassen in der City of London verbreitern und begradigen. Ein rechteckige Strassennetz, wie in New York, war das Vorbild. Die traditionsreiche Verkehrsader The Strand, sollte zu einer jeweils vierspurigen Ein-/Ausfallsroute ausgebaut werden. Der berühmte und beliebte Piccadilly Circus wurde als ‚Flachenhals‘ betrachtet, was richtig ist, aber deshalb nicht zum Abriss freigegeben werden sollte. Und das zentrale Gebiet von Covent Garden (Market), mit vielen baufälligen Wohnhäusern für einfache Leute, war für moderne Büros und komfortable Hotels eingeplant und sollte deshalb komplett eingeebnet werden. Was für eine Katastrophe wäre das geworden, wenn nicht jemand Einsicht und Mut gezeigt hätte.

„It’s too perfect, it’s lost the atmosphere completely.“

Es war ein harter Kampf, um sich den bauwilligen und vielleicht auch -wütigen Planern und verantwortlichen Politikern, u.a. Edward Heath als Premier Minister, in den Weg zu stellen. Diese Leute lebten nicht in Covent Garden, sondern in Mayfair und Chelsea, aber sie hätten viel Geld mit den Bauten verdienen können, denn es wurden finanzstarke Investoren gesucht. Keine Frage, so mancher steckte im Interessenskonflikt, bis auf eine Frau, die zwar auch viel Geld hatte und politische Verantwortung trug, die sich aber auch zutraute ihrem Gewissen zu folgen. Ihr Name war Lady Dartmouth, sie war eine aktive Politikerin und sie hatte eine leitende Funktion im Stadtrat inne. Sie mahnte ihre Kollegen zur Kehrtwende, organisierte Widerstand und hatte schließlich Erfolg. Es gab heftige Proteste, Demonstrationen und sogar einen Bombenanschlag. Aber schließlich wurden die verantwortlichen Volksvertreter abgewählt und Lady Dartmouth hatte gesiegt. Wir kennen die Dame unter ihrem späteren Namen: Lady Spencer. Sie war die Stiefmutter von Diana, die schließlich in einer unglücklichen Ehe mit Prinz Charles berühmt werden sollte.

 

 

Ein Vergleich in Bildern

Links die Fotos von der Restaurierung in den 1970-er Jahren, rechts meine Bilder aus den letzten Jahren.

 

Das Royal Opera House in Covent Garden. Links die Renovierung in den 1970-er Jahren und rechts nach dem Umbau 2017/18. Man hat sich auf die Tradition konzentriert und viele achitektonische Details aus der ursprünglichen Planung wieder einfliessen lassen. Die Fassade ist ein Prachtstück geworden und auf der gegenüberliegenden Piazza-Seite hochmodern gestaltet worden. Gelungene Restaurierung.

 

Als der große Umbau in Covent Garden fertig war, zogen hochwertige Filialketten in die neuen Geschäfte ein. Die Bewohner fühlten sich übergangen, denn sie waren einfache Leute und konnten nicht bei Tiffany & Co einkaufen. Deshalb beschloss man eine der Markthallen für den täglichen Handel einzurichten. Man liess die viktorianischen Markstände dort stehen und vermietet sie täglich an Strassenhändler, die alles denkbare anbieten. Dieser Markt ist täglich geöffnet und die alten Buden, inzwischen schwarz angestrichen, sind noch heute im Gebrauch. Hingehen und ansehen.

 

Vor fünfzig Jahren war der Londoner Obst- und Gemüse Grossmarkt in Covent Garden angesiedelt. In den Hallen stapelte man die Kisten. Heute gehört der Platz den Touristen, die dort Essen und Trinken und den Musiker zuhören, die oft erstklassige Musik abliefern. Kein Wunder, die Oper ist keine 50 Meter entfernt und so mancher nutzt die Gelegenheit sich hier warm zu singen. Natürlich kostenlos.

 

 

… und die Moral?

Als ich für diesen Blogbeitrag noch einmal ein paar Details recherchierte, staunte ich nicht schlecht. Mit der gewaltigen Umstrukturierung des Covent Garden war ich vertraut, aber mir war neu, dass man nach dem Krieg auch das ganze Regierungviertel abreissen wollte. Angefangen in der Downing Street bis zum Palace of Westminster sollten die betagten, aber historisch wertvollen Gebäude abgerissen werden. Sie sind alle wunderschön, weil sie die Geschichte als Zeitzeugen überliefern und inzwischen sehr gut restauriert wurden. Viele Häuser stehen den Touristen offen und es ist mir jedes Mal ein Vergnügen in die längst verflossene Zeit und Welt einzutauchen. Dort wurde mir sehr sinnlich klar, dass auch ich nur ein Glied in einer lang gelebten Kette bin. Da ist es hilfreich zurück und auch vorwärts zu schauen. Und vor allem zu begreifen, dass man ein Punkt auf dieser Linie ist, allerdings ein wichtiger, denn man repräsentiert exakt die Gegenwart.

„London needs another office block like it needs another plague.“

„It was not the blitz that killed the old East End, it was the planners“, ist eine Aussage, der ich zustimme. Es waren nicht die Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg (‚the blitz‘), die das East End zerstört haben, nein, es waren die Städteplaner, die es danach wieder aufbauten (Barbican). Damit sich das nicht auch im West End ereignen kann, wurde 1975 entschieden, dass alle ‚Georgian and Victorian streets‘ in ihrer Bausubstanz zu schützen sind. Bis dahin hatten die Architekten immer wieder damit geliebäugelt große Teile von Kensington, Chelsea oder Westminster abzureissen. Aus heutiger Sicht wäre das unverzeihlich gewesen. Meine persönlichen Entscheidungen sind zwar nur von geringer Tragweite, und doch ist mir anhand der Londoner Nachkriegsstadtplanung sehr klar geworden, dass ein gutes Gleichgewicht zwischen Erneuerung und Bewahrung gefunden werden muß. Ich glaube, das gilt auch in meinem kleinen Rahmen.

 

Versteckte Schätze

Covent Garden ist voller Überraschungen. Die Piazza und die Markthallen sind längst ein Touristenmagnet geworden und natürlich wollen die Leute bei Laune gehalten werden. Deshalb kann man ständig mit neuen Sachen dort rechnen. Mal sind es Events wie der urkomische Christmas Pudding Race, dann verwandelt sich der Marktplatz plötzlich in einen Winterwald mit Eisbahn und wenige Monate später, steht an gleicher Stelle ein Blumenmeer, selbstverständlich aus lebenden Pflanzen geformt. Die Shops wollen Kundschaft haben und lassen sich dafür alles mögliche einfallen. Die muszierenden Strassenkünstler, sogenannte ‚buskers‘, dürfen nur hier auftreten und bieten Shows an, die es mit manchem großen Theater aufnehmen können. Ein Pantomime hat sich das Kostüm von Charlie Chaplin gewählt und agiert so perfekt, dass man glaubt, der Meister wäre es selbst. Der echte CC wurde übrigens in London geboren und lernte hier das Singen und Tanzen auf die harte Tour, nämlich als Kind auf der Strassenbühne. Aber auch die Marktleute waren keine charakterlichen Leichtgewichte. Um hier einen Stand zu betreiben, musste man Beziehungen haben, oder am besten gleich die Kindheit zwischen den Obstständen erlebt haben. Auch da gibt es einen berühmten Mann, dessen Vater hier mit Gemüse handelte; sein Name ist Alfred Hitchcock.

Diese glorreichen, aber auch harten Zeiten, waren mit dem Umzug des Großmarktes nach ‚New Covent Garden‘, südlich der Themse, endgültig vorbei. Das ist jetzt gerade ein halbes Jahrhundert her. Aber man hat einige Dinge aufbewahrt und an ausgesuchten Stellen präsentiert. Ich brauchte einige Besuche, bis ich ein erstes altes Schild entdeckte. Dann ein paar Fotografien von wunderbaren Originalen. Bilder, die wahrlich eine ganze Lebensgeschichte erzählen. Sie sind oftmals in den schmalen und dunklen Durchgängen, von einer Markthalle in die nächste, zu finden. Dort fallen sie gar nicht auf und ich hatte Mühe genug Abstand zu finden, um ein brauchbares Foto zu machen. Am besten schaut man sich die Originale im Covent Garden Market selbst an und nutzt meine Bildergallerie nur als Appetitmacher. Einfach von einer Halle in die andere schlendern und immer die Augen offen halten. Ich bin mir sicher, dass Sie noch sehr viel mehr entdecken werden. Hier meine kleine Auswahl: