Von mir aus dem Hotelfenster fotografiert. Das sieht die Welt ganz anders aus.

Engländer lieben rot. Es ist die Farbe der Könige, der Liebe und des Feuers. Auf London’s Strassen dominiert das Rot, man sieht es überall. Im Logo der Underground signalisiert es uns den Eingang zum Bahnhof, am Strassenrand macht es auf die Letterbox aufmerksam und dann natürlich die Busse.

Sie alle sind in derselben roten Farbe lackiert, die dem RGB Wert ‚218, 41, 28′ entspricht. Das erwähne ich nur, falls Sie ihr Auto genauso lackiert haben wollen. Eine recht plausible Erklärung für die Signalfarbe, weist auf die Sicherheit hin. Knallrote Autos im Elefantenformat sieht man nun mal besser im Strassenverkehr, als kleine graue Mäuse. Schaut man aber auf die Anfänge zurück, dann kann das nicht richtig sein, denn früher wurden die Busse von unterschiedlichen Betreibern gefahren und damals hatte jede Linie ihre ganz eigene Farbe. Aber ein anderen Aspekt ist höchst interessant und kaum bekannt. Die berühmten Londoner Busse sind nämlich deutscher Herkunft. Das wird höflich verschwiegen. Ähnlich hält man es, sobald ein Gespräch um die Vorfahren des Königshauses kreisen will. 

Es war ein deutsches Unternehmen, -wer sonst?-, dass den ‚Rotmeister‘ entwickelt hatte und ihn dann auf London’s Strassen fahren liess. Die machten daraus einen ‚Redmaster‘ und schließlich den ‚Routemaster‘. Aktuell passiert etwas ganz ähnliches mit dem deutschen Leib- und Magenlikör Jägermeister. Er hat es zum ‚yagermaster‘ geschafft und wird ebenfalls gerne doppelstockig im Pub geordert.

Übrigens ist der double decker eigentlich gar nicht so rot, wie man meinen bzw. sehen könnte. Zum einen besteht nämlich fast die Hälfte der Fassade aus dunklen Glas und der blechernde Rest dazwischen dient überwiegend großflächiger Reklame. Das Dach, das niemand sehen kann, ist so gut wie gar nicht rot, sondern schneeweiss lackiert. Glauben Sie es mir, wenn man es auch nur schwer prüfen kann, denn die Dinger sind nun mal groß wie ein Dinosaurier. Die weisse Farbe soll die Sonnenstrahlen reflektieren, damit es drinnen nicht zu warm wird.

Der Bus wird von den Touristen geliebt, von den Londonern weniger. Nachdem die klassischen Doppeldecker abgeschafft wurden, hatte Bürgermeister Boris Johnson die Idee, die ehemalige Ikone neu zu erfinden. Die Idee war populär und, -wen wundert’s?-, eine Mogelpackung. Der Bus wurde als super modern und umweltfreundlich vorgestellt. Ein Hybrid Antrieb, halb E-Motor, halb Dieselverbrenner. Tatsächlich aber mangelt es an geladenen Batterien und deshalb fahren die Stinker so gut wie immer im Diesel Modus. Bei aller Kritik muß ich aber auch eingestehen, dass ich die roten Dinger optisch sehr wohl leiden mag. Es wäre schade, wenn sie irgendwann nicht mehr in voller Herdenstärke den Trafalgar Square umkreisen. Also schweige ich und nehme dankbar auf dem viel zu harten Sitz, mit wenig Beinfreiheit und einem Fahrwerk ohne jede spürbare Federung, schmollend Platz. Für Touristen ist der Bus durchaus eine Empfehlung. Für moderate Preise windet er sich im Schneckentempo durch London’s Innenstadt und bietet eine erstklassige Tour zu allen wichtigen Gebäuden und Plätzen. Da ist es kein Hindernis, wenn man an jeder Ampel minutenlang hält, um dann 20 Meter weiterzukriechen bis zum nächsten Stopp. Die organisierten Rundfahrten (Hop on – hop off) sind nicht mein Ding. Viel zu teuer, bei Regen oder Kälte die Hölle auf Erden und nur in einer (!) Fahrtrichtung zu nutzen. Aber jeder soll es machen, wie es ihm gefällt. Wenn Sie sich für die öffentlichen Busse entscheiden, dann starten Sie am besten mit der Linie 9 (Hyde Park  – Covent Garden) oder Linie 15 (Trafalgar Square – Tower Bridge). Einen Fahrplan braucht man nicht, die Busse fahren im Minutentakt. Und nicht vergessen, beim Bus wird nur beim Einsteigen bezahlt. Egal wie weit man fährt, man zahlt einen Einheitstarif.

 

Use the front door only

Achtung, ab 2020 darf man nur noch durch die vordere Tür in den Routemaster einsteigen. Die beiden anderen Türen, mitte und hinten, bleiben den Aussteigern vorbehalten. Warum? Keine Ahnung, vielleicht haben sich etlich am Kartenleser vorbeigemogelt. Jetzt müssen sie vorne bezahlen und das ermöglicht dem Fahrer, das laute Piepen des Kartenleser zu hören. Damit ist allerdings auch ein weiteres Versprechen von Boris Johnson hinfällig geworden, nämlich das schnelle Ein-und Aussteigen. Ab sofort kann, ja muß, an der Bushaltestelle wieder eine proper queue gebildet werden. Das wird die Londoner freuen, das liegt ihnen im Blut.

Allerdings gehörte auch die hintere offene Plattform zum Markenzeichen des ersten Routemasters. Über sie konnte man jederzeit während der Fahrt den Bus besteien oder verlassen. Egal wo, egal wann. Aus Sicherheitsgründen wurde das dann geändert, die Busse erhielten Türen, die während der Fahrt geschlossen sind. Heute könnte man ohne weiteres wieder die offene Plattform einführen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in den schmalen Strassen der Innenstadt beträgt 17 Stundenkilometer. Meistens steht der Bus aber still, weil es sich vor, hinter und rundherum staut. Da könnte man bequem Zu- oder Aussteigen. Oder vielleicht doch nicht, denn inzwischen wurden die Strassen von den Radfahrern, Skatern und E-Scooter-Fahrern erobert. Sie sind zahlreich auf London’s Strassen unterwegs und nutzen jede Lücke aus. Ältere Damen und Herren, auf ihrem Weg zur Arbeit, fahren halsbrecherisch zwischen Bus und LKW die Strassen entlang. Keine Ahnung wie sie überleben, aber es hat sicher auch mit der hohen Risikobereitschaft des Engländers zu tun. Den Grund kenne ich nicht, vermute aber eine genetische Eigenart. Man lebt schließlich auf einer Insel, da ist manches isolierter als bei den Artgenossen, die mitten auf dem Kontinent zuhause sind.