Wer hat in 2020 ein Jubiläum? Welche historischen Personen werden die Engländer feiern? Letztes Jahr war es Queen Victoria, nun ist King George III an der Reihe. Aber er rangiert nicht in der ‚royal top ten‘, was daran liegen könnte, dass er hauptsächlich für zwei Verluste bekannt geworden ist: erst verlor er die Kolonien in Nordamerika und dann seinen Verstand. Oder war es anders herum? Anyway, King George gehört auf jeden Fall zu den königlichen ‚Langläufern‘. Er regierte sechs Jahrzehnte lang, damaliger Rekord, der dann aber schon etwas später von Queen Victoria nochmal übertrumpft wurde. Inzwischen hat Queen Elizabeth II diesbezüglich die Nase vorne; längste Amtszeit aller englischen Regenten überhaupt. Man wird sich an King George III im Kew Palace erinnern und das ist gut gewählt, -natürlich hielt er sich dort viel auf-, und ich habe den Platz schon lange auf meiner Wunchliste stehen. Zwar nicht so sehr den Palast selbst, aber die weltbekannten Gärten rundherum (Kew Garden). Sicher gibt es noch etliche andere Personen, die in 2020 besonders geehrt werden, aber mir fiel dann ein anderes Ereignis ein, dass auf jeden Fall gefeiert werden darf. Ich spreche vom Riesenrad an der Themse, dem London Eye oder auch Millenium Wheel, denn es wurde am New Year’s Eve 1999/2000 eröffnet. Damals von Tony Blair, der mittels eines Laserstrahls quer über den Fluss, das gigantische Rad in Gang setzte. Und seitdem treffen sich die Londoner jedes Jahr genau an dieser Stelle und feiern mit Musik, Lightshow und Mega Feuerwerk den Start ins neue Jahr.

Eigentlich sollte das Rad nur bis 2002 stehen, dann wollte man es wieder demontieren. Aber da war es allen längst so sehr ans Herz gewachsen, dass niemand auch nur den Vorschlag machte. London hatte binnen kürzester Zeit ein neues Wahrzeichen bekommen. Egal ob man nun London Eye, Millenium Wheel oder den wechselnden offiziellen Namen (je nach Sponsor) benutzt, jeder weiß sofort was gemeint ist. Und das technische Wunderding ist auch noch optisch ein wahres Schmuckstück. Es ist 135 Meter hoch, vermutlich auch breit, denn es ist nunmal ein kreisrundes Rad und es hat nur eine einarmige Stütze, die von der Seite in den Mittelpunkt greift. Lange habe ich nicht verstanden, wie das Ding funktioniert. Eines war mir klar, eigentlich müsste es durch das eigene Gewicht herunterfallen und dann in die Themes rollen. Nach vielen Besuchen und langen Starren auf die Konstruktion, fiel endlich der Groschen und ich begriff, dass das Rad eben nicht wie beim Fahrrad mittels Speichen an der Nabe befestigt ist. Stattdessen lagert es locker auf zwei mächtigen Antriebsrollen, die ich die ganze Zeit vor den Augen hatte, aber nicht erkannte, und wird von der mittigen Stütze lediglich gegen ein Umfallen stabilisiert. Genialer geht es kaum. Und dann achten Sie mal auf die Kabinen, die nicht etwa an der Konstruktion hängen, sondern scheinbar fest mit dem äußeren Stahlkreis verbunden sind. Wie soll das funktionieren? Eigentlich müssten die Passagiere kopfstehen, sobald ihre Gondel oben angekommen ist. Um das zu vermeiden, wird jede einzelne Kapsel millimeterweise gedreht. Immer genau soviel, dass die Passagiere stets senkrecht stehen können.

Es ist wohl kein Zufall, dass es 32 Kabinen gibt, denn das ist genau die Anzahl der Londoner Bezirke. Sollten Sie trotzdem in der ‚capsule No 33‘ landen, dann liegt es nur daran, dass man auf Nummer 13 verzichtet hat. Wenn der Andrang groß ist, -und das ist eigentlich immer der Fall-, dann werden bis zu 25 Menschen in eine Gondel einsteigen. Das ist dann vielleicht kein guter Zeitpunkt für einen Heiratsantrag, aber gut 5.000 Männer haben genau hier die bange Frage gestellt. Vielleicht wollten sie sich absichern, dass die Ausgewählte nicht einfach weglaufen kann. Ganz schön schlau. Und wer wie ich nicht höhentauglich ist, wird wahrscheinlich zu allem ja sagen, wenn man bloß wieder nach unten kommt.

 

 

Pro Jahr zählt man gut 3,5 Millionen Fahrgäste. Man dreht eine Runde und braucht dazu knapp 30 Minuten. Das Anstehen dauert vermutlich meistens deutlich länger. Wer es exklusiver mag, kann auch eine Solofahrt buchen, dann ist man garantiert mit seinen Gästen oder der Verlobten alleine in der gläsernen Gondel unterwegs. Auf Anfrage wird man auch zwei Gläser und eine Flasche Schampus vorfinden. Während der Weihnachtszeit wird eine Kabine winterlich geschmückt. Dort erlebt man dann den Höhenflug inmitten von verschneiten Tannen und jeder Menge Kunstschnee. Die Fahrt ist nicht ganz billig, wer Fotos machen will, sollte sich vorher Gedanken machen, wo die Sonne stehen wird.

Silvester 2019/20 hat das London Wheel also seinen 20. Geburtstag gefeiert. Leider hat das Wetter nicht ganz mitgespielt. Es war zwar am Silvesterabend trocken (und saukalt), aber die Zuschauer, die stundenlang im abgesperrten ticketpflichtigen Gebiet warten müssen, wurden ziemlich enttäuscht. Eine invasive Wetterlage sorgte dafür, dass der Rauch nicht abziehen konnte und schon nach kurzer Zeit eigentlich alles dick verqualmt war. In der milchigen Suppe blitzten die Raketen auf, aber es war eher ein fahler Lichtschein. Dafür kann nun niemand was, das Wetter lässt sich nicht bestellen. Ältere Zuschauer fühlten sich vielleicht an vergangene Zeiten erinnert? London heißt nicht umsonst ‚The great smoke‘. Damals, als noch alle Kamine in Betrieb waren, waberte jeden Winter eine gelbe CO2 Wolke durch die Strassen. Das muß ähnlich ausgesehen haben und führte dann 1952 zur Katastrophe. Bei einer vergleichbaren Wetterlage starben Tausende binnen einer Woche. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Und nun suche ich noch ein paar schöne Bilder aus und stelle dabei fest, dass ich von London Eye mehr Fotos als von jeder anderen Londoner Location haben. Zufall?