Im Westminster Palace kehrt langsam Ruhe ein. Nach hektischen Wochen und Monaten, in denen der Ton zwischen den Mitgliedern des Parlaments immer rauher wurde, sind jetzt die Würfel gefallen. Der Brexit wird Ende Januar 2020 offiziell und egal ob man nun dafür oder dagegegen war, irgendwie sind alle erleichtert. Der Alltag kehrt in das ehrenwerte House of Commons zurück und das ist gut so. Der Heilungsprozess scheint tatsächlich zu beginnen. Nach einer zweiten Parlamentseröffnung, vollzogen durch die Queen, kann nun endlich eine reguläre Legislaturperiode in Angriff genommen werden. Das heißt, man plant und denkt erstmals seit Beginn des Dramas in langfristigen Intervallen. Die Mehrheit der konservativen Tory Partei ist so groß, dass niemand mehr an ein vorzeitiges Scheitern des Premier Minister Boris Johnson denkt. Aber es hat sich ja noch viel mehr getan. Die Wahl mit dem dann doch überraschend eindeutigen Ergebnis war ja nur die Spitze des Eisberges. Tatsächlich vollzogen sich sehr viel mehr Änderungen, alle personeller Art. Da waren die gechassten Torymitglieder, die man aus der Partei ausgeschlossen hatte, nachdem sie sich weigerten dem Brexit Deal zuzustimmen. Vorher waren schon andere Abgeordnete freiwillig aus- bzw. in andere Parteien übergetreten und mancher hat sich ganz spontan, während einer der vielen hitzigen Debatten, endgültig verabschiedet. Und so kommt es, dass dem neuen Parlament viele nicht mehr angehören, deren Gesichter uns längst vertraut geworden waren. Dazu kommen noch die alterbedingten Rücktritte, die praktischerweise immer im Zuge einer Neuwahl vollzogen werden.

Die Plätze wurde neu verteilt, aber die Bänke sind noch immer mit grünen Leder bespannt und bieten noch immer viel zu wenig Raum für das viel zu große Parlament (es soll demnächst auf rund sechshundert Abgeordnete reduziert werden). Dicht gedrängt sitzt man nebeneinander, ’shrubbing the shoulders‘, und wer neu dabei ist steht am Eingang, zusammen mit den Kollegen, und hört der Debatte zu. Und auch auf dem zentral platzierten, extra dick gepolsterten Sessel, sitzt jemand, den wir noch nicht kennen. Es ist der neue Speaker des Hauses, Sir Lindsay Hoyle. Sein Vorgänger, Mr John Barcow, ist auch in Deutschland bestens bekannt, sein theatralisch gebelltes: ‚Order, Ooooooorder!‘, genoß Kultstatus. Er war ein impulsiver Mann, ein klarer EU-Befürworter und scheute keinen verbalen Auseinandersetzungen. Körperlich etwas kurz geraten, wußte er sich um so größer aufzupusten und scheute sich auch nicht Führungsfiguren, wie etwa den Premierminister, ganz im Stil eines Schuljungen zu verwarnen. John Bercow, dem der Orden zum ‚Sir‘ bisher verweigert wurde und der möglicherweise der erste Speaker sein wird, der diese Auszeichnung nicht erhalten wird, hatte ebenso begeisterte Freunde wie Feinde. Es gab wohl keinen, der ihm gegenüber eine neutrale Haltung wahren konnte. In einem waren sich aber alle einig, Bercow hatte ein resolutes Ego. Er war ohne Frage ein Mann voller Eitelkeiten. An seinem Land Rover, den er in London fuhr, prangte vorne und hinten sein Name auf dem Nummernschild (man kann die Buchstaben frei wählen), obwohl die Personenschützer ihm dringend davon abrieten. Ich hoffe er wird irgendwann im TV auftauchen, da wäre er nicht der erste Ex-Politiker und genau der richtige, mit großen Unterhaltungswert. Wie aber ist der Neue, der frisch gewählte Speaker of the House of Commons?

 

Wenige Tage vor seiner Wahl als Speaker, erhielt Sir Lindsay Hoyle die Diagnose einer Diabetes. Er holte sich Rat bei der Kollegin Theresa May, die schon lange mit der Krankheit lebt. Sobald man gelernt hat seinen Zuckerhaushalt bewußt selbst zu steuern, sollten die Beeinträchtigungen gering sein.

 

Sein Name lautet: Sir Lindsay Hoyle. Er ist der Sohn eines Barons mit Sitz im House of Lords und wurde am 10. Juni 1957 in England geboren. Zunächst war er als Unternehmer in der Textilbranche tätig, kam dann, fast nebenbei, mit der Politik in Berührung und wurde schließlich Abgeordneter der Labour Partei, der er bis heute angehört. Sein Amt in seinem Wahlkreis wird ruhen, solange er Speaker of the Commons ist und damit eine politisch neutrale Position einnehmen muß. Damit der Tory Partei daraus kein Vorteil entsteht, wird sie ihren Abgeordneten ebenfalls nicht zur Wahl stellen. So etwas nennt man Fair Play. Schon der Unterschied im äußeren Erscheiunungsbild könnte kaum größer sein. Der kleine, quirrlige Bercow und der lange, sanfte Hoyle, scheinen nicht vom selben Stamm zu sein. Zunächst befürchtete ich Sir Lindsay könnte weit weniger Unterhaltungswert haben, aber das war ein krasses Fehlurteil. Beide Männer sind ohne Frage hochqualifiziert für das enorm wichtige Amt, das sie ermächtigt viele politische Entscheidungen unmittelbar zu beeinflussen, und damit sie der gewaltigen Aufgabe gewachsen sind, haben sie Stellvertreter an ihrer Seite. Sir Lindsay hat sich für drei Personen entschieden, die regelmäßig stellvertretend für ihn die Debatten im Unterhaus leiten werden. John Bercow liess andere nur im Ausnahmefall auf den Stuhl, in der Regel nur bei inhaltlich untergeordneten Themen. Sobald öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden war, -man überträgt live in der BBC-, klebte er an seinem Sessel und genoß es im Mittelpunkt zu stehen. Ganz anders Sir Lindsay, der sich bereits bei der ersten großen Abstimmung, nämlich bei der um den Brexit Deal, vertreten liess. – Übrigens gehört Sir Lindsay zu den wenigen Abgeordneten, es sind drei oder vier, von denen nicht bekannt ist, wie sie sich bei der Ur-Brexit Wahl entschieden haben.

Dass Sir Lindsay eine ordentliche Portion britischen Humor hat, bewies er schon bei der Amtseinführung bzw. der Parlamentseröffnung. Sie findet ganz im Stil der Tradition statt, mit der Figur des Black Rod und der gekrönten Königin, samt Machtutensilien. Der Speaker trägt während der feierlichen Zeremonie eine goldgeschmückte Uniform, so auch Sir Lindsay, und er wollte konsequenterweise auch die dazugehörige Perücke aufsetzen. Das hat seit einigen Jahren kein Speaker mehr gemacht, das Ding ist nämlich aus drahtigen Pferdehaar gefertig. Das juckt und kratzt, besonders auf kahlen Männerköpfen und schlimmstenfalls bekommt man auch noch den feinen weissen Puder in die Nase und das könnte dann alles ganz furchtbar enden. Aber Sir Lindsay sagte sich, wenn schon – denn schon, und bestand auf den Kopfschmuck. Der liess sich allerdings nicht finden. Man suchte überall, zog die Akten aus allen Regalen, schaute in die vollgestellten Ecken, aber die Perücke blieb verschwunden. „There is no wig as yet. God knows where it went“, wurde dem neuen Speaker mitgeteilt und der antwortete: „I will have to wear what is available.“ Ein praktisch denkender Mann, mit Sinn für das Wesentliche, der Königin in diesen Dingen nicht unähnlich. Aber auf ein anderes Detail wollte er auch in dieser feierlichen Stunde nicht verzichten, nämlich seinen Hausausweis, den er wie alle Mitarbeiter an einem Band um den Hals trägt. Ein wichtiges Detail, wenn es um die Sicherheit des Hauses geht. Wie sollen die Sicherheitsleute Fremde identifizieren, wenn die Abgeordneten sich nicht deutlich sichtbar ausweisen. Einfach anzunehmen, man wird mich schon erkennen, ist ziemlich egoistisch. Mal sehen, wann Boris Johnson und seine Parteifreunde, auf beiden Seiten des Hauses, sich der vernünftigen (Pflicht-)Einsicht anschliessen werden.

 

In prachtvoller Robe, ohne Perrücke, aber mit Sicherheitsausweis am Hals. Links von Sir Lindsay steht Black Rod, aktuell eine Dame, die das Amt inne hat.

 

Auch inhaltlich hat sich Sir Lindsay dann gleich einmal vom Vorgänger abgesetzt. Der hatte das ausserordentlich Läuten von Big Ben am Tag des Brexitvollzugs untersagt. Jetzt hat Sir Lindsay grünes Licht gegeben und also, falls bautechnisch möglich, wird die Glocke am Abend des 31. Januar 2020 um 23 Uhr Ortszeit ertönen. Viel weiß ich noch nicht über den neuen Speaker, aber ein Interview von ihm hat sofort mein Herz erobert. Er erzählte vom familiären Einzug in die Amtswohnung im Westminster Palace. Dort wohnte auch John Bercow mit seiner Ehefrau Sally. Das ist vielleicht die exklusivste Wohnadresse Londons, mit freien Blick auf die Themse, allerdings auch mit schwerbewaffneter Sicherheitspolizei am Eingang. Trotzdem eine ganz aussergewöhnliche Immobilie, nicht schlechter als der Buckingham Palace. Und dort ist Sir Lindsay mit einer ganzen Menagerie von Tieren eingezogen. Zunächst einmal sein sehr gut sprechender Papagei mit dem Namen Boris. Kein Zufall, der ist nach dem Premierminister benannt. Dann gibt es einen Kater namens Patrick und zwei Hunde Gordon und Betty. Der erste wurde nach Ex-Premier Gordon Brown getauft, wer Betty ist hat sich mir noch nicht erschlossen. Zur Zeit müssen zwar noch einige Umbauten in der Wohnung erfolgen, aber sobald alles fertig ist, soll auch Maggie einziehen, worauf sich das Ehepaar Hoyle ganz besonders freut. Klar, hier stand Lady Thatcher als Namensgeberin, und es handelt sich bei Maggie um eine Schildkröte. Eine ganz besondere, denn Sir Lindsay wußte zu berichten: “Maggie will be a great addition to the terrace out there, walking along. I think she’ll make a big impact. It’s not often people see a three-stone tortoise walking around Parliament.” – Ich freue mich schon und werde den Fotoapparat schußbereit halten. Das mache ich jetzt schon immer, wenn ich an der Downing Street entlang gehe, und hoffe Kater Larry zu entdecken. Nun also auch noch eine fast 20kg schwere Schildkröte auf der Terrasse des Parlaments. Hurra, die Ödnis der Brexitzeit ist überwunden, das Leben und der Humor sind zurückgekehrt. Long live the Parliament!

 

Der Westminster Palace ist eine Großbaustelle. Überall Bauzäune und dick isolierte Gerüststangen. In dem Wirrwarr habe ich zufälligerweise den Eingang zum ‚Black Rod’s Garden‘ entdeckt. Ich glaube es ist auch der Eingang zu der Dienstwohnung des Speakers. Aber man hat keine Chance, die Tore sind rund um die Uhr gut bewacht.