Wenn London feiert, -und das passiert oft-, dann fährt die Königin gerne in der Kutsche vor. Sie und ihre Familie können auf diese Weise bereits den Weg nutzen, um die Zuschauer zu begeistern. Man braucht natürlich gutes Wetter, aber das stellt sich meistens pünktlich ein. Die Windsors haben viele Kutschen, einige offen, andere ganz aus Gold gefertig und tonnenschwer, aber auch ganz leichte Landauer gehören zu ihrem Fuhrpark. Übrigens auch ein edler Daimler, der so umgebaut wurde, dass ich ihn zunächst für einen Rolls Royce hielt. All diese Verkehrsmittel werden in den Royal Mews geparkt, ein Gelände gleich neben dem Buckingham Palace. Dort sind die Coach Houses (Garagen), die State Stables (Ställe) und eine komplette Riding School (Reithalle) zu finden. In der haben alle Kinder von Queen Victoria das Reiten gelernt. Vermutlich gilt das auch für die Kinder von Queen Elizabeth und wer weiß, ob nicht auch George, Charlotte und Louis hier erstmals in den Sattel gesetzt werden. Es gibt viele Gründe die Royal Mews aufzusuchen und ich schaue dort eigentlich jedes Mal vorbei, denn immer entdecke ich Neues. Ein paar Fotos habe ich mitgebracht.

 

The Landau

 

Das ist ein Landauer, eine viersitzige Kutsche, deren Verdeck komplett geöffnet werden kann. Diese Bauart wird in Wien von den Fiakerfahrern genutzt und in London präsentiert man darin gerne Frischvermählte, wie William und Kate oder auch Harry und Meghan. Die leichte Kutsche wird normalerweise von vier Pferden gezogen. Am schönsten aber sieht das Gefährt am Abend aus, denn dann brennen richtige Wachskerzen in den Laternen beiden vorderen Laternen.

 

Queen Alexandra’s State Coach

 

Eines der besonders prachtvollen Stücke in der Sammlung. Natürlich voll gebrauchsfähig, wie alle Kutschen in den Royal Mews. Queen Alexandra stammte aus Dänemark und war mit King Edward VII verheiratet. Er war der älteste Sohn Queen Victorias und wurde 1902 gekrönt. In den Jahren davor lebte das Ehepaar in einer Stadtvilla, dem Marlborough House, und wann immer sie in die Oper, zu Staatsdinners oder Bällen fuhren, nutzten sie gerne diese Kutsche. Heutzutage wird sie gebraucht, wenn Queen Elizabeth auf dem Weg zum Westminster Palace ist, um dort die State Opening Zeremonie zu zelebrieren. Umständehalber mussten wir leider darauf in den letzten Jahren verzichten, denn der Brexit und ungeplante Neuwahlen haben es verhindert. In der Kutsche befindet sich ein Klapptisch, auf dem die Königin ihre schwere Krone abgelegen kann. Die Tischplatte ist hoch genug, um das gute Stück voll im Fenster zu zeigen. Damit es aber auch im rechten Licht erstrahlt, hat man einen kleinen Scheinwerfer unter das Dach gebaut, der sein Spotlight auf die Juwelen wirft. Perfekte Harmonie von uralter Tradition und modernster Technik.

 

 

Diamond Jubilee State Coach

 

Ein schwerer Brocken, wohl nicht aus massiven Gold, aber es glänzt und blitzt gewaltig. Man nennt sie auch State Coach Britannia. Sie ist größer als die anderen, aber gegenüber der Gold State Coach fast noch zierlich. Man braucht sechs Pferde zum Ziehen und wollte sie eigentlich am 80. Geburtstag der Queen nutzen. Aber daraus wurde nichts und so mußten die Londoner weitere acht Jahre warten, bis sie endlich die wahrlich königliche Kutsche auf der Strasse sehen konnten. Sie ist relativ neu, wurde 1988 in Australien gebaut und kam erst 2014 nach England. Sie ist fast 3t schwer, 5,5m lang und 3,5m hoch. Die Krone auf dem Dach ist aus Holz geschnitzt und vergoldet. Das Material stammte von einer Schiffsplanke der Victory, Lord Nelson’s Flagschiff. Aber damit nicht genug, die ganze Holzkabine wurde aus Material gebaut, dass voller Bedeutung steckt. Unter anderem stammte es vom Tower of London, der Westminster Abbey und der St Paul’s Cathedral. Aber auch Big Ben wurde zur Ader gelassen und büßte ein Bleigewicht ein, dass jetzt irgendwo in dieser Kutsche verbaut wurde.

 

The Scottish State Coach

 

Und dieses schöne Stück wurde schon 1830 gebaut und später Queen Mary, Ehefrau von King George V, geschenkt. Sehr viel später, nämlich 1968, entschied Queen Elizabeth, dass sie eine Kutsche für ihre Aufenthalte in Schottland brauchen würde. Ihre Wahl fiel auf dieses Gefährt, dass normalerweise von vier Pferden gezogen wird. Inzwischen wird die Kutsche auch in London genutzt, denn sie hat eine Besonderheit, die für beste Fotos sorgt. Das Dach ist komplett aus Glas gefertigt und deshalb sind die Insassen sehr gut zu sehen. Das freut jeden Kameramann, wenn er Bilder liefern muß. 

 

In den Royal Mews werden ausführliche Informationen zu allen gezeigten Stücken geliefert. Leider habe ich diese Schilder nicht fotografiert und mußte nun die Kutschen selbst erkennen. Das erwies sich als schwierig, ein ausgesprochenes Puzzle, denn es gibt ungemein viele Coaches in den königlichen Ställen. Die Dinger sehen sich zum Verwechseln ähnlich und werden auch durchaus mal umdekoriert. Da taucht dann ein anderes Wappen an der Tür auf oder das Dach erhält zusätzlichen dekorativen Schmuck. Ich hoffe die Zuordnung richtig gemacht zu haben, ansonsten kann es jeder vor Ort selbst prüfen. Und ich kann den Besuch (Ticket ab £11) nur empfehlen. Die Royal Mews sind nie so überlaufen wie der Palast. Übrigens bedeutet der Name nicht etwas ‚Stall‘, sondern ‚Mauser‘, was auf Falken zurückführt, die während der Regentschaft von Henry VIII hier untergebracht waren. Es sind noch weit mehr Kutschen zu sehen und wenn man Glück hat auch mal ein paar Pferde. Das Hightlight ist die Golden State Coach, der ich aber einen eigenen Beitrag widmen werde. Und noch einen Tipp kann ich geben, jedenfalls für diejenigen, die öfters in London sind. Lassen Sie ihr Ticket nach dem Besuch abstempeln, dann behält es für ein volles Jahr seine Gültigkeit. 

Und noch ein Tipp für Fotografen. Wenn vorhanden, dann unbedingt einen lichtstarken Weitwinkel mitnehmen. Man kann nur wenig Abstand zu den Kutschen halten und bekommt sie deshalb kaum in einem Stück aufs Foto gebannt. Sie stehen in Garagen, deren Tore geöffnet sind, allerdings kann der Besucher nicht hineingehen. So muß man also von dort irgendwie in das Dunkel fotografieren. Ich weiß nicht, ob man Blitzlicht erlaubt, vermutlich aus guten Grund nicht, aber es wäre auch wenig hilfreich. Das blitzblanke Metall an den Kutschen, die goldenen Teile, würden im Scheinwerferlicht reflektieren und alles gnadenlos überstrahlen.

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